Historische Hintergrunddarstellung für den nachhaltigen Rückbau von Opfermythos


„Ich wüsste nicht, daß wir schon einmal so eine Begrüßung gesehen hätten.“
Wolfgang Brückner zu Adolf Hitler während eines Besuchs in Dresden 1934

Dies ist die ausführliche Version unseres Faltblatts für den nachhaltigen Rückbau von Opfermythos und Frauenkirche. Ihr findet hier ausführliche Informationen zu Geschichte Dresdens und eine Literaturliste zum Weiterlesen.

1. Die Gauhauptstadt Dresden 1933 – 1945

Dresden und Sachsen vor 1933
Antisemitisches und völkisches Denken beginnt auch in Dresden nicht erst 1933. Bereits im 19. Jahrhundert galt Sachsen als ein „Zentrum des Antisemitismus in Deutschland“. Im Königreich Sachsen wurde die bürgerliche Emanzipation der Jüdinnen und Juden nur in Ansätzen diskutiert und die feudal-ständische Herrschaftsstruktur wirkte bis weit ins 19. Jahrhundert weiter. Der erste internationale „Antijüdische Kongress“ tagte 1882 in Dresden, der einzigen größeren Stadt, in der eine Koalition aus Konservativen und antisemitischen „Reformern“ die Politik bis zum Ende des Kaiserreiches bestimmte. Die starke ArbeiterInnenbewegung des „roten Sachsen“ wurde 1923 geschwächt, als die Koalition von SPD und KPD durch die Reichsregierung abgesetzt wurde. Darauf folgte ein Erstarken der NSDAP, die in Sachsen die Hegemonie über das nationalkonservative Lager erlangte. Anfang der 1930er Jahre konnte die NSDAP auch auf Unterstützung aus angesehenen Kreisen setzen: elf der 48 Professoren aus Deutschland und Österreich, die 1932 einen Aufruf für die Machtübernahme der NSDAP unterzeichneten, lehrten an der TH Dresden.

Die Etablierung des Nationalsozialismus in Dresden
Nach der Machtübergabe errichtete die sächsische SA bereits am 8. März 1933 eines der frühen Konzentrationslager in der Burg Hohnstein mit etwa 600 Häftlingen. Dort waren Folterungen alltäglich; am 20. Mai 1933 wurde Hermann Liebmann, ehemaliger jüdischer SPD-Innenminister Sachsens, auf persönliche Anweisung des Gauleiters Martin Mutschmann gefoltert; Liebmann starb 1935 an den Folgen. Joseph Goebbels hatte in seinem Tagebuch Mutschmann schon 1925 als „ordentliche[n], brutale[n] Führer“ lobend erwähnt. Am selben Tag führten die Dresdner SA und nationalsozialistische StudentInnen auf dem Wettiner Platz die „reichsweit“ erste Bücherverbrennung durch. Zwei SA-Standarten stürmten das dort befindliche Verlagshaus der sozialdemokratischen Dresdner Volkszeitung und verbrannten den Bibliotheksbestand sowie andere Publikationen. Der Dresdner nationalsozialistische Freiheitskampf schrieb am folgenden Tag: „Bald loderte vor dem Gebäude, während SA und Schutzpolizei den Platz abgesichert hatten, ein mächtiges Feuer, das immer weitere Nahrung erhielt, bis dieser Giftladen bis auf das letzte Heft ausgeräumt war.“ Aus Victor Klemperers Tagebucheinträgen dieser Zeit ist deutlich zu entnehmen, mit welcher Brutalität die nationalsozialistische Bewegung auch in Dresden ihre neue Machtposition durchsetzte und wieviel Zustimmung sie dabei aus der Bevölkerung erhielt.

Die starke Verankerung des Antisemitismus und die Stärke der nationalsozialistischen Bewegung in Sachsen drückte sich auch darin aus, dass es dem neuen Regime dort nur in sehr eingeschränktem Maße gelang, die anfängliche pogromartige Gewalt von SA und aggressiven NationalsozialistInnen einzudämmen und zu ordnen. Wenn den neuen Machthabern daran überhaupt gelegen war: Mutschmann ordnete über die offiziellen Vorgaben hinaus in Sachsen einen „eigenen“ Boykotttag gegen jüdische Geschäfte an. Gegen die relativ kleine jüdische Gemeinde Dresdens (1925 hatte sie 5100 Mitglieder) wandte sich die Parteibasis der NSDAP äußerst intensiv, unter anderem im Rahmen der antisemitischen Kampagne vom Sommer 1935. Um die eigene Machtposition nicht zu gefährden, verbot die lokale NS-Führung allerdings schon am 26. März 1933 Angriffe gegen Unternehmen, Geschäftsinhaber und Wirtschaftsverbände. Bereits am 31. März 1933, also noch vor dem Erlaß zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, wies die Stadt Dresden ihre Dienststellen an, „sämtliche Beschäftigen jüdischer Rasse“ aus der Verwaltung zu „entfernen“.

„Entartete Kunst“ und antisemitische Stadtpolitik
Ab dem 23. September 1933 wurde in Dresden eine der ersten Ausstellung mit als „entartet“ denunzierter Kunst gezeigt; sie gilt als „die wichtigste Vorläuferausstellung“ der Münchner Ausstellung von 1937. Schon am 26. Juni 1933 war der Beschluß zu einer solchen Ausstellung in der Stadtverordnetenversammlung gefällt worden. In ihr verbanden sich politisches Programm und die persönliche Abrechnung nationalsozialistischer antimodernistischer Künstler mit ihren KonkurentInnen. Im Zentrum der „Kritik“ stand Otto Dix und seine Werke „Kriegskrüppel“ und „Schützengraben“. Bis 1937 war die Dresdner Ausstellung in zwölf weiteren Städten zu sehen. Nach der „rassepolitischen Woche“ im November desselben Jahres und der Ausstellung „Reichsschau Ewiges Volk“ im Januar und Februar 1938 folgte am 31. Januar 1938 die antisemitische Grundsatzrede Mutschmanns mit dem Titel „Die Juden sind unser Unglück“. Mutschmann brachte darin seinen eher plumpen Antisemitismus unter anderem durch diese Bemerkung zum Ausdruck: „Das sehen Sie schon, wenn Sie die Hände von einem Juden und unsere Hände ansehen. Der Jude kann den Daumen zurückdrehen wie bei einer Affenhand. Wir können das nicht!“. Am 27. Oktober 1938 wurden die polnischen Jüdinnen und Juden ausgewiesen, die spätere Besetzung Polens bedeutete für viele dieser Menschen aus Dresden und der Region den Tod in Ghettos und Vernichtungslagern. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die von Gottfried Semper entworfene Synagoge in Brand gesteckt, ihre Ruine am 12. November abgerissen. Die Kosten des Abrisses musste die jüdische Gemeinde Dresdens zahlen. Im Verlauf der „Reichspogromnacht“ wurden 151 Männer und Frauen in das „Pogromsonderlager“ nach Buchenwald gebracht, darunter alle Mitglieder des Vorstands der Jüdischen Gemeinde Dresdens. Vier Monate später eröffnete der NS-Gauleiter Mutschmann die Ausstellung „Der ewige Jude“.

Dresden: Garnisonsstadt und Zentrum von Zwangsarbeit und Rüstungsproduktion
In Dresden befand sich eine der größten Garnisonen des „Dritten Reiches“. Sie umfasste 1939 20 000 Soldaten, unter anderem die 4. Infanterie-Division, das Flak-Regiment 23, das Luftnachrichten-Regiment 1, die Luftgausanitäts-Abteilung 4, die Fliegerhorstkommandantur Dresden, die Kriegsschule Dresden (die größte Kriegsschule des Heeres), die Luftkriegsschule 1, das Heeresgruppenkommando 3, das Generalkommando des IV. Armeekorps, das Luftgaukommando IV, das Kommando der Fliegerschulen, den Stab der 12. Flieger-Division, die Landwehrkommandeur Dresden, drei Dresdner Wehrbezirkskommandos, diverse Dienststellen der Administrativen und Rückwärtigen Dienste“, den Pionier-Sturmbann der SS-Verfügungstruppen (der späteren Waffen-SS) und die kasernierte Polizeiausbildungs-Abteilung. Weiter waren einige zentrale Verwaltungs- und Geschäftsstellen der Reichsregierung zu diesem „Verkehrsknotenpunkt des mitteldeutschen Eisenbahnnetzes“ verlegt worden.
Dresdens lange Tradition in der Fertigung militärischer Güter – Dresden war schon im Ersten Weltkrieg ein wichtiger Standort der Munitionsproduktion gewesen – wurde durch die nationalsozialistische Rüstungsproduktion ab 1939 fortgesetzt und ab 1942 noch einmal gesteigert, als Rüstungsbetriebe in das vermeintlich vor Luftangriffen sichere Sachsen verlegt wurden. Die traditionell vielfältige Industrie in Dresden erlaubte die Herstellung einer Vielzahl an Rüstungsgütern, mit einem hohen Anteil hochmoderner Erzeugnisse. Das waren bis 1942 Munition (Sächsische Gußstahlwerke Freital, Flick-Konzern, Kelle & Hildebrand), Zünder (Zeiss-Ikon, Goehle-Werk), Nachrichtentechnik (Radio-Mende), Pioniertechnik, Fahrzeuge, Funkwagen, gepanzerte Wagen, Zulieferungen für die Marine (Druckkörper, Baugruppen für Torpedos) Zulieferungen für die Luftwaffe (Bombenschlösser, Flak, Bordwaffen), Werkzeugmaschinenbau (Lieferungen für Flugmotoren). Die intensivierte Phase ab 1942 stellte zusätzlich unter anderem Sturmgeschütze und Jagdflugzeuge her, außerdem Kampfwagenkanonen, Granatwerfer, Feld-Haubitzen, Panzerteile (Maschinenfabrik Karl Klemm), Panzerabwehrkanonen, Sturmgeschütze für Panzer-Fahrzeuge, Heeres- und Sanitätsfahrzeuge, Schlitten, Feldfern- und Kleinfunksprecher, UKW-Technik, Minensuchgeräte, Bildwandler (Sachsenwerk), Antriebe für U-Boote, Landungsfahrzeuge, Binnentanker für die Luftwaffe, Zulieferungen für die „V-Waffen“. Die Fertigung erfolgte teilweise durch Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen, „Fremdarbeitern“ und ab August 1944 auch von Häftlingen aus verschiedenen Konzentrationslagern. Während der Jahre des Zweiten Weltkrieges wurden in Sachsen etwa 500.000 ZwangsarbeiterInnen zur Rüstungsproduktion gezwungen. Eine Studie ermittelte 1946 eine Mindestzahl von 781 Betrieben im Stadtgebiet Dresden, die ZwangsarbeiterInnen beschäftigt hatten. In und um Dresden waren mehr als 240 Unternehmen an der Rüstungsproduktion beteiligt, und das als eine der letzten Regionen intakt bis in die Schlussphase des Krieges.

2. Dresden und die Shoah

Antisemitische Ausgrenzung und Repression in Dresden
Die in Dresden verbliebenen Jüdinnen und Juden sahen sich seit Mitte der 1930er Jahre immer stärker werdender Repression ausgesetzt., wie unter anderen aus den Tagebucheinträgen Klemperers aus dieser Zeit hervorgeht. 1938 wurde allen jüdischen MieterInnen der städtischen Baugesellschaft gekündigt, auch private Mietverhältnisse wurden im Laufe dieses Jahres beendet. Ende 1939 wurden sie gezwungen, in zu „Judenhäusern“ erklärten Wohnhäusern zu leben, danach ihr Eigentum „arisiert“. Bis 1945 waren durch Deportationen von anfangs 37 noch 8 solcher Häuser übriggeblieben. Dresden hatte auch hier eine „Vorreiterrolle“ inne. Im Januar 1942 wurde die Jüdische Gemeinde Dresdens von der Gestapo darüber informiert, dass die Deportation der verbliebenen Juden und Jüdinnen Dresdens bevorstünde. Ausgenommen waren nur Kinder, Menschen, die unter die nationalsozialistische Kategorie „Mischehen“ fielen und ArbeiterInnen in der Rüstungsindustrie. Bevor am 24. März 1942 alle öffentlichen Verkehrsmittel für Juden und Jüdinnen verboten wurden, waren die in der Rüstungsindustrie Arbeitenden gezwungen, eine spezielle Straßenbahn zu benutzen – worüber sich nach Aussage von Henny Brenner einige Dresdner noch beschwerten: „Was, eine extra Bahn haben die Juden auch noch und unsere kommt nicht“. Am 21. Januar 1942 wurden dann vom Bahnhof Dresden-Neustadt aus 224 Menschen aus dem Verwaltungsbezirk Dresden-Bautzen in das Ghetto von Riga deportiert. Viele von ihnen wurden im Rahmen des Massakers „Aktion Dünamünde“ im Frühjahr 1942 ermordet.

Das „Judenlager Hellerberg“ – Zwangsarbeit bis zur Deportation
Am 10. November 1942 trafen sich Vertreter des Zeiss-Ikon-Konzerns, der Gestapo und der NSDAP, um die Errichtung eines Lagers in Dresden vorzubereiten, in dem Juden und Jüdinnen für die deutsche Rüstungsindustrie arbeiten sollten. Zeiss-Ikon stellte ein Materiallager zur Verfügung, die Gestapo erstellte die Lagerordnung, die Bewachung übernahm die Dresdner „Wach- und Schließgesellschaft“. Im Protokoll der Sitzung wurde festgehalten, dass „die als Lagerinsassen zugewiesenen Juden auch dann im Lager verbleiben und wirtschaftlich betreut werden, wenn sie nicht mehr bei Zeiss Ikon beschäftigt sind und zwar bis zum Zeitpunkt des Abtransportes“. Am 23. November 1942 wurden im „Judenlager Hellerberg“ diejenigen 279 Dresdner Juden und Jüdinnen interniert, die 1942 nicht nach Theresienstadt oder Riga deportiert worden waren, weil sie in einem kriegswichtigen Betrieb oder in der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde arbeiteten oder einen nichtjüdischen Ehepartner hatten. Ihre „Zusammenlegung“ wurde durch den Film „Überführung der Dresdner Juden in das Lager am Hellerberg“ des Zeiss-Ikon-Betriebsfotografen Erich Höhne dokumentiert. Die Aufnahmen sind ein seltener visueller Beweis für die Verwicklung der „zivilen“ Teile der nationalsozialistischen Gesellschaft in den Holocaust und für die Sichtbarkeit der Verbrechen im Alltagsleben dieser Zeit. Die Aufnahmen zeigen unter anderem, wie PassantInnen unverhohlen der Abholung ihrer jüdischen NachbarInnen zuschauen, wie Mitarbeiter eines Umzugsunternehmens das zügige Verladen der wenigen Besitzstände gewährleisten, wie MitarbeiterInnen der „Städtischen Entseuchungs-Anstalt“ die Inhaftierten „entlausen“ und wie Dr. Hasdenteufel vom Zeiss-Ikon-Konzern der „Einweisung“ in das Lager beiwohnt.

Fast alle der in Hellerberg Internierten arbeiteten im nahegelegenen Goehle-Werk und stellten dort Zünder für U-Boot-Torpedos her. Insgesamt leisteten zu Beginn 1943 in der sächsischen Landeshauptstadt etwa 480 Dresdner Jüdinnen und Juden Zwangsarbeit. Das Lager bestand aus sechs Baracken zur Unterkunft und einer als Gemeinschaftsraum; die Umstände galten anfangs als halbwegs erträglich. Allerdings gilt dieses Urteil nur in der makabren Relation dieser Zeit, wie Victor Klemperer am 26. Novemer 1942 in seinem Tagebuch festhielt: „Es ist gar zu jämmerlich, daß diese Gefangenschaft schon als ein halbes Glück gilt. Es ist nicht Polen, es ist nicht das KZ! Man wird nicht ganz satt, aber man verhungert nicht.“ Das änderte sich drastisch mit der Verwandlung in ein „Polizeihaftlager“ und überregionales Sammellager am 27. Februar 1943. Nur eine Woche später wurde das Lager geräumt und die InsassInnen auf Polizei-LKWs durch die Stadt zum Bahnhof Dresden-Neustadt gebracht – von dort aus wurden sie am 3. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Aus diesem Dresdner Transport wurden von etwa 1500 Ankommenden 680 Personen ins Lager eingewiesen, die anderen etwa 820 Menschen wurden sofort in den Gaskammern getötet. Zurück blieben nur die schwangere Fella Feiga Drut und alle Menschen aus Chemnitz, Halle, Leipzig und Plauen, die über 65 Jahre alt waren. Am 29. März 1943 wurden die 32 letzten Menschen im Lager nach Theresienstadt deportiert.

Die verhindert Deportation
Nachdem am 10. Juni 1943 die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ aufgelöst worden war, wurden am 21. Juni 1943 der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Dresdens und deren Gemeindeangestellte nach Theresienstadt deportiert, sodass sich ab diesem Datum nur noch in „Mischehe“ Lebende und sogenannte „Mischlinge“ in Dresden befanden. Eine für Anfang 1945 vorgesehene Deportation aus Dresden sollte auch diese Menschen erfassen, konnte aber wegen der Luftangriffe vom 13. und 14. Februar 1945 nicht durchgeführt werden. Einer unbestimmten Anzahl von Juden und Jüdinnen in Dresden wurde so das Leben gerettet. Henny Brenner, die als junge Frau die antisemitische Verfolgung im nationalsozialistischen Dresden überlebte, beschrieb diese Situation in einem Interview so:

„Dresden wurde in Schutt und Asche gelegt, es blieb wirklich nichts mehr! Es war nicht 50 Prozent, und nicht 60 Prozent, es waren wohl 90 Prozent. Es war total zerstört. Und das war unsere Rettung. – Wenn nur ein kleiner Teil oder ein Viertel zerstört worden wäre, hätte man uns am nächsten Tag sofort gefunden; aber das ging nicht mehr.“

Henny Brenner betont im Übrigen, dass nach den Luftangriffen und der Verunmöglichung der Deportation die antisemitische Verfolgung keineswegs beendet war. Die Gestapo suchte weiter nach sich versteckenden Juden und Jüdinnen – die Ungewißheit, ob sie doch noch gefunden würden, blieb bestehen: „Das war dann, bis zur Befreiung, dieses Vierteljahr war furchtbar.“

3. Dresden am 13. Februar 1945: Zentrum des NS-Staates und Verkehrsknotenpunkt

„Wir weinten vor Freude, als wir den roten Schein am Himmel sahen. Dresden brennt, die Alliierten sind nicht mehr weit! “
Ein Überlebender des Ghettos Theresienstadt

In der Dresdner „Erinnerung“ werfen unangreifbare Piloten aus zynischer Höhe und ohne eigene Gefährdung ihre Bomben ab. Gegen dieses Bild, das die Unschuld der wehrlosen Opfer in Dresden unterstreichen soll, ist festzuhalten: Etwa 50.000 Mitglieder des Luftpersonals des britischen Bomber Command starben im Verlauf des Zweiten Weltkriegs. – Nachdem die USA 1942 in den Luftkrieg eingegriffen hatte, veränderte sich auch deswegen die Strategie der Alliierten: nun wurden große Flotten aus den schweren Lancaster-Flugzeugen gebildet. Die Ardennen-Offensive der Wehrmacht im Dezember 1944 und Januar 1945 hatte die Alliierten überrascht und ließ die Wehrmacht stärker erscheinen als sie tatsächlich war. Dadurch schien das Kriegsende in weite Ferne gerückt, obwohl die Rote Armee im Februar 1945 Breslau eingeschlossen hatte. Die Ostfront befand sich bei Görlitz, nur 100 km von Dresden entfernt. Zum Zeitpunkt der Luftangriffe auf Dresden war der Krieg keinesfalls bereits vorbei.

Dresden als militärisches Ziel
Es können zwei militärische Bedeutungen Dresdens unterschieden werden: Dresden war einer der letzten funktionierenden Verkehrsknotenpunkte und Rüstungs- und Verwaltungszentrum des nationalsozialistischen Deutschland befand sich in einer strategisch wichtigen Lage nahe der Ostfront. Der Angriff auf Dresden machte aus Sicht der Alliierten auf beiden Ebenen Sinn: es ging um die umfassende Schwächung einer der verbliebenen Zentralen des „Dritten Reiches“. Von den Bombardierungen betroffen waren die Rüstungsproduktion, die Versorgung der Bevölkerung, der Wehrmacht und der SS, die Loyalität der Bevölkerung, der alltägliche Verlauf des Lebens, die Unterbringung der Flüchtlinge und Obdachlosen. Frederick Taylor hält fest, daß der Luftkrieg „unmittelbare und zerstörerische Auswirkungen für die deutsche Kriegsindustrie bzw. deren militärische Schlagkraft“ hatte. Weil es das „militärische Potential Deutschlands bis zuletzt“ schwächte, war das area bombing „mit kriegsentscheidend“. Richard Overy schätzt, dass im Herbst 1944 ein „Drittel der Artillerie für die Luftverteidigung benötigt“ wurde und über 80 % der deutschen Kampfflugzeuge in Deutschland eingesetzt werden mussten. Gleichzeitig stärkte der Angriff die Position der Roten Armee an der nahegelegenen Ostfront und darüber hinaus: Durch die alliierten Luftangriffe wurde die Wehrmacht effektiv an eigenen Angriffen gehindert und deren Fluchtrouten, die vor allem durch Sachsen führten, wurden blockiert.

Dresden war bereits im Herbst 1941 unter den 43 Zielstädten des Bomber Command gewesen, 1943 führte eine Zielinformation Dresden als „Verwaltungszentrum und ein Industriezentrum von beträchtlicher Bedeutung“. Als taktische Ziele genannt werden unter anderem das Kraftwerk West, die Schleifscheibenfabrik Reick, die vier Zeiß-Ikon-Betriebe (eines davon das Goehle-Werk), der Verschiebebahnhof Friedrichstadt mit Eisenbahnwerkstätten, das Sachsenwerk Niedersedlitz und die Giftgas produzierende Firma Gehe. Außerdem die Elbbrücken, der Flughafen Klotzsche und Gebäude, die auf Zielkarten als Sächsisches Propagandaministerium und NS-Gebietshauptquartier gekennzeichnet sind. Dass die Bombardierung Dresdens im Kriegsverlauf relativ spät erfolgte, ist militärischen Strategieüberlegungen geschuldet und keineswegs der alliierten Rachelust gegen das „Gesamtkunstwerk Dresden“.

Die britische Luftkriegstaktik unterschied sich in einem wichtigen Punkt von der US-amerikanischen: sie bezog gezielte Angriffe auf Wohngebiete mitein, die die Widerstandskraft und die Kontrolle des Regimes über die Bevölkerung schwächen sollten. Auch diese Strategie, die ab dem Sommer 1944 in der britischen Militärführung diskutiert wurde, wurde allerdings unter der Maßgabe entworfen, „damit den Krieg verkürzen zu können“. Vor der Jalta-Konferenz Anfang Februar 1945 organisierten die westlichen Alliierten eine Offensive mit den Zielen, den Westen Deutschlands eine Invasion vorbereitend zu schwächen, die Rote Armee zu unterstützen und die Treibstoffindustrie und die Verbindungslinien weiter zu zerstören. Das sowjetische Oberkommando hatte schon im Dezember 1944 die amerikanische Luftwaffe um die Bombardierung der wichtigsten Bahnlinien im Bereich der südlichen Ostfront gebeten. Die in diesem Zusammenhang entstandene letzte Zielliste des Krieges nennt schließlich Dresden als eines ihrer zehn Ziele, und zwar in seiner Doppelfunktion als funktionierendem Zentrum des NS-Staates und als militärisch wichtiger Stütze der Ostfront, die Rote Armee möglichst bald durchschlagen wollte.
In diesem Kontext erfolgte in vier Angriffen vom 13. bis 15. Februar der Luftangriff auf Dresden, der unter anderem das Phänomen des „Feuersturms“ auslöste und etwa 18.000 bis 25.000 Tote zu Folge hatte. Dass der Angriff so verheerend war, erklärt sich auch aus dem Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Faktoren: das Wetter war für einen Luftangriff ungewöhnlich gut, die Dresdner Flugabwehr war in das Ruhrgebiet abtransportiert (was den Alliierten unbekannt war) und die Dresdner Gauleitung hatte es versäumt, auch nur halbwegs ausreichende Luftschutzmaßnahmen zu ergreifen. Bei einem ähnlich schweren Angriff im März 1945 auf Essen, das ein umfangreiches Bunkersystem hatte, starben unter 1000 Menschen, also vergleichweise wenige. Als die Rote Armee schließlich nach Dresden einrückt, wird sie erbittert bekämpft; der Kampf um die letzten Häuser in Dresden kostet noch einmal etwa 200 russischen SoldatInnen und einer unbekannten Anzahl fanatischer NationalsozialistInnen das Leben – typisch für die letzten Kriegswochen in Sachsen.

Keine „Kriegsgegner“
Im Rahmen der graduellen Veränderung des Gedenkens in Dresden ist es in den letzten Jahren in Mode gekommen, den Nationalsozialismus mit der Vokabel „der Weltkrieg, der von Deutschland ausging“ formal mitzubenennen. Aber auch diese neue Form der entschuldenden Erzählung, jetzt eine Aufrechnung der Toten der sogenannten gleichberechtigten „Kriegsgegner“, verschweigt den Nationalsozialismus als politisches Projekt der damaligen deutschen Gesellschaft. Dieser Erzählung muss entgegengehalten werden, dass das nationalsozialistische Deutschland den Zweiten Weltkrieg als Vernichtungskrieg begann, während die Allierten ihn führten, um den Nationalsozialismus zu beenden; dass zwar etwa 20 000 Menschen beim alliierten Luftangriff auf Dresden starben, aber über 20 000 Menschen allein durch die brutalen Arbeitsbedingungen bei der Produktion der deutschen „V-Waffen“ getötet wurden.

Dresden war eines der großen deutschen Rüstungszentren, und Kommandozentrum sowie Transport- und Kommunikationsleitstelle, also eine aktiv durch Rüstungsproduktion, militärische Infrastruktur und Administration am Nationalsozialismus und am Kriegsgeschehen teilnehmende Stadt. Nach dem mißglückten Attentat vom 20. Juli 1944 war die Dresdner Garnison unter starker Anteilnahme der Bevölkerung auf den Elbwiesen zur Treuekundgebung für Adolf Hitler aufmarschiert, zehntausende Menschen kamen zusammen. Auf dem Gelände der 1938 gesprengten Synagoge waren ab 1944 etwa 2000 sowjetische Kriegsgefangene in einem Lager inhaftiert, das unter der Dresdner Bevölkerung als „Russenbaracken“ bekannt war. Am 16. Januar 1945 führte ein Todesmarsch auf dem Weg von Groß-Rosen nach Bergen-Belsen durch Dresden. Während des Angriffs vom 13. Februar 1945 wurde ein Todesmarsch auf die Carola-Brücke gezwungen, die Überlebenden dieses Todesmarsches wurden am 5. Mai 1945 von us-amerikanischen Truppen in der Nähe von Passau aufgefunden. Ein weiterer Todesmarsch lagerte während der Februar-Angriffe in der Nähe Dresdens und wurde am 17. Februar 1945 über die Carola-Brücke geführt.

Literatur

Olga Horak: Von Auschwitz nach Australien. Erinnerungen einer Holocaust-Überlebenden an ihre Kindheit in Bratislava, die Deportation nach Auschwitz, den Todesmarsch von Kurzbach nach Dresden und an die Befreiung in Bergen-Belsen, Konstanz 2007.

Adolf Diamant: Chronik der Juden in Dresden. Darmstadt 1973.

Walter Nowojski (Hg): Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1942-1945, Berlin 1995.

Henny Brenner: Das Lied ist aus. Ein jüdisches Schicksal in Dresden, Dresden 2005.

Heinz Schulz: Rüstungsproduktion im Raum Dresden 1933 – 1945, Dresden 2005.

Clemens Vollnhals, Sachsen in der NS-Zeit, Leipzig 2002.

Norbert Haase (Hg): Die Erinnerung hat ein Gesicht, Fotografien und Dokumente zur nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden 1933 – 1945, Leipzig 1998.

Gerald Kolditz: Fremd- und Zwangsarbeit in Sachsen 1939 – 1945, Dresden 2002.

Claus-Christian W. Szejnmann: Nazism in Central Germany. The brownshirts in „red“ Saxony, New York 1999.

Dresdner Geschichtsverein (Hg): Zwischen Integration und Vernichtung. Jüdisches Leben in Dresden im 19. und 20. Jahrhundert, Dresdner Hefte 45 (2000).

Dresdner Geschichtsverein (Hg): Die Ausstellung „Entartete Kunst“ und der Beginn der NS-Kulturbarbarei in Dresden, Dresdner Hefte 77 (2004).

Paul Addison: Firestorm. The bombing of Dresden 1945, London 2006.

Götz Bergander: Dresden im Luftkrieg. Vorgeschichte, Zerstörung, Folgen, Böhlau 1994.

Gunnar Schubert: Die kollektive Unschuld. Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfermythos wurde, Hamburg 2006.

Zur Debatte um deutsche Opfer:
Lothar Kettenacker(Hg): Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940 – 1945, Berlin 2003.

Dietmar Süß, Deutschland im Luftkrieg, München 2007.

Anhören:
http://www.audioscript.net/ (audioscript zur Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Dresden 1933 – 1945)

http://www.wdr5.de/sendungen/erlebte-geschichten/s/d/13.02.2005-07.05/b/der-brand-dresdens-hat-mich-gerettet.html